Einleitung: Die Verwirrung um einen Namen
Die Kunstwelt ist voller Missverständnisse, Verwechslungen und Anekdoten, die das Geschäft und die Rezeption von Kunst auf ebenso unterhaltsame wie verwirrende Weise prägen. Einer dieser Fälle rankt sich um den Namen „David von Sell“. Fragen Sie einen Sammler nach „David von Sell“, und Sie werden höchstwahrscheinlich ein gespaltenes Echo erhalten. Der eine wird Ihnen von monumentalen, abstrakten Stahlskulpturen und der leisen Poesie der amerikanischen Moderne erzählen. Der andere wird sofort von üppigen, überladenen Gemälden sprechen, von einer Bildsprache, die wie ein Rausch aus Werbung, Kunstgeschichte und Erotik wirkt.
Beide haben recht – und beide sprechen von unterschiedlichen Künstlern. Die Verwechslung ist programmiert, denn der Name „David von Sell“ existiert in dieser Schreibweise im etablierten Kunstkanon nicht. Er ist eine phonetische oder schreibtechnische Klammer, die zwei höchst unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten vereint: David Von Schlegell (1920–1992), den amerikanischen Bildhauer und Maler der abstrakten Moderne, und David Salle (*1952), den Maler und Star der postmodernen Malerei. Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine Reise durch diese beiden Welten, klärt die Hintergründe auf und zeigt, warum beide Künstler auf ihre Art und Weise den Kunstmarkt und die Kunstgeschichte beeinflusst haben – und warum der Name „David von Sell“ dabei immer wieder für Verwirrung sorgt.
Teil 1: Die Moderne – David Von Schlegell, der Bildhauer der Stille
Wenn wir über den „ersten“ David von Sell sprechen, meinen wir den Bildhauer und Maler David Von Schlegell. Geboren 1920 in St. Louis, Missouri, war er ein Kind seiner Zeit, geprägt von den großen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Seine künstlerische Sozialisation war tief in der amerikanischen Moderne verwurzelt.
Vom Piloten zum Bildhauer
David Von Schlegells Leben war von entscheidenden Brüchen geprägt. Er wuchs in St. Louis auf, wo sein Vater selbst Maler war und ihn früh förderte. Seine künstlerische Ausbildung begann an der Art Students League in New York und in Ogunquit, Maine . Doch der Zweite Weltkrieg warf eine große Zäsur in sein Leben: Von Schlegell diente als Pilot der US Air Force – ein Erlebnis, das ihn nachhaltig prägte und ihm, wie er in einem Interview mit dem Smithsonian Institution berichtete, eine besondere Perspektive auf Raum, Technik und Materialität vermittelte .
Nach dem Krieg kehrte er nicht einfach zur Staffelei zurück, sondern wandte sich der Bildhauerei zu. Zu dieser Zeit, in den 1950er und 1960er Jahren, war die amerikanische Kunstszene von Abstraktion und Minimalismus dominiert. Von Schlegell bewegte sich in diesem Spannungsfeld, entwickelte jedoch eine unverwechselbare eigene Handschrift. Er war Teil einer Generation von Künstlern, die mit David Smith, Mark di Suvero und Robert Morris die Grenzen der Skulptur neu definierten .
Geometrie und Reduktion
Das Werk von David Von Schlegell ist geprägt von einer strengen, geometrischen Abstraktion. Er arbeitete vor allem mit Stahl, einem Material, das in der Nachkriegsmoderne eine dominante Rolle spielte. Seine Skulpturen sind oft monumental, klar in der Form und reduzieren die Dinge auf ihr Wesen. Anders als die oft aggressiv wirkenden Konstruktionen eines David Smith, wirken Von Schlegells Arbeiten oft meditativ und durchdrungen von einer inneren Ruhe.
Er beschäftigte sich intensiv mit der Beziehung zwischen Skulptur und Architektur, wie er in dem erwähnten Interview mit der Archives of American Art betonte . Für ihn war die Skulptur kein isoliertes Objekt, sondern ein Teil des Raumes, der es umgibt. Er schuf Werke, die sich mit dem Betrachter in ein dialogisches Verhältnis setzten, ohne sich aufzudrängen. Neben der Bildhauerei war er auch als Maler tätig, wobei er seine malerischen Werke ähnlich reduziert und konstruktiv aufbaute. Sein Einfluss als Lehrer war ebenfalls bedeutend – er unterrichtete an der Yale University und prägte Generationen von Künstlern in den USA.
Der vergessene Modernist?
Heute ist David Von Schlegell im Vergleich zu manchen seiner Zeitgenossen etwas in Vergessenheit geraten. Sein Name taucht nur selten in den großen Auktionshäusern auf, und wenn, dann meist im mittleren Preissegment . Das mag an seiner konsequenten Reduktion liegen, die vielleicht weniger spektakulär ist als die lautstarken Statements seiner Kollegen. Doch für Kenner der amerikanischen Nachkriegsmoderne bleibt er ein wichtiger Vertreter der abstrakten Bildhauerei. Seine Arbeiten zeugen von einer Integrität und einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Grundfragen der Kunst, die bis heute relevant ist. Wer also von „David von Sell“ spricht und dabei an monumentale, ruhige Stahlskulpturen denkt, denkt an David Von Schlegell.
Teil 2: Die Postmoderne – David Salle, der Meister des Bildersturms
Ganz anders verhält es sich mit dem zweiten David, der unter dem Namen „David von Sell“ kursieren könnte: David Salle. Der 1952 in Norman, Oklahoma, geborene Maler ist das genaue Gegenteil des zurückhaltenden Bildhauers. Salle ist laut, bunt, überladen und kompromisslos . Er ist das enfant terrible der postmodernen Malerei, einer der Protagonisten der „Pictures Generation“ und ein Künstler, der bis heute die Gemüter erhitzt und die Auktionsrekorde sprengt.
Der Lehrling von John Baldessari
David Salles Werdegang könnte unterschiedlicher nicht sein. Er studierte am legendären California Institute of the Arts (CalArts), wo einer seiner wichtigsten Lehrer John Baldessari war – ein Konzeptkünstler, der mit Sprache und Bildern spielte und die Grenzen der traditionellen Malerei aufbrach . Baldessari lehrte Salle die Collagetechnik, die stark von der Ästhetik des Films und der Werbung beeinflusst war. Diese Technik wurde zum Fundament von Salles gesamter künstlerischer Praxis .
Nach seinem Studium zog es Salle nach New York, wo er in den wilden 1970er Jahren ankam. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, unter anderem als Mitarbeiter in der Grafikabteilung eines Pornomagazins – eine Erfahrung, die seinen Blick auf Bildsprache und Körperlichkeit nachhaltig prägen sollte . Er arbeitete als Assistent für Künstler wie Vito Acconci und tauchte tief ein in die aufregende, experimentelle Kunstszene Manhattans .
Das Prinzip der Überlagerung
David Salles Malerei ist ein einziger, großer visueller Remix. Er kombiniert scheinbar willkürlich verschiedene Bildebenen, Stile und Motive auf einer Leinwand. Ein Frauenakt überlagert ein Filmstill, daneben prangen Comicfiguren neben kunsthistorischen Zitaten, alles durchsetzt mit Schriftzügen und abstrakten Farbflächen . Es ist ein bewusst herbeigeführtes Chaos, ein digitaler Bild-Overkill, den Salle malte, lange bevor es Smartphones und Instagram gab .
Seine Kunst ist eine Sammlung von Fragmenten. Er bedient sich an der Popkultur, der Werbung, der Kunstgeschichte und der Erotik, um diese Elemente zu einer neuen, oft verstörenden und rätselhaften Einheit zusammenzufügen . Die Bezüge sind vielfältig: Er zitiert die altmeisterliche Malerei , die Ästhetik von Filmemachern wie Douglas Sirk und Rainer Werner Fassbinder , und verbindet dies mit der Flachheit der Pop-Art und der Tiefe des Surrealismus.
Provokation und Markterfolg
Diese Strategie der Überfülle und der fragmentierten Narrative brachte ihm nicht nur den Durchbruch in der New Yorker Kunstszene ein, sondern machte ihn auch zur umstrittenen Figur der 1980er Jahre. Seine Bilder wurden als sexistisch kritisiert, als oberflächlich und als Ausdruck einer dekadenten Konsumgesellschaft . Gerade diese Provokation aber trieb seinen Ruhm voran.
David Salle ist kein Künstler für das gemütliche Wohnzimmer. Seine Werke fordern den Betrachter heraus, zwingen ihn, die Beziehungen zwischen den Elementen zu entschlüsseln oder sich zumindest von der schieren Fülle der Eindrücke überwältigen zu lassen. Diese Kompromisslosigkeit macht ihn zu einem der wichtigsten Vertreter der postmodernen Malerei.
Heute ist David Salle ein gefeierter Star des Kunstmarktes, ein „Blue Chip“-Künstler, dessen Werke auf Auktionen regelmäßig Millionenbeträge erzielen . Seine großformatigen Gemälde aus den 1980er Jahren sind extrem begehrt, und sein Markt zeigt sich seit Jahrzehnten stabil. Für Sammler ist er eine sichere Bank – ein Klassiker der Postmoderne.
Die Verwechslung: Warum „David von Sell“?
Die Verwechslung der beiden Künstler ist nachvollziehbar. Die phonetische Nähe der Namen (Von Schlegell / Salle) in Verbindung mit einer unsicheren Schreibweise führt immer wieder zu Irritationen. Während der eine, Von Schlegell, in der stillen Erhabenheit der Moderne verharrt, tobt der andere, Salle, in der lauten, ironischen Postmoderne. Die Parallelität ihrer Namen im deutschen Sprachraum, oft ungenau als „David von Sell“ wiedergegeben, ist ein kurioses Phänomen, das die beiden so unterschiedlichen Künstler in der Wahrnehmung zusammenführt.
Diese Verwechslung ist aber auch ein Spiegelbild des Kunstmarktes selbst, der oft oberflächlicher ist, als man denkt. Ein Name, der schwer zu buchstabieren ist, wird vereinfacht. Ein Künstler, der in den Auktionskatalogen seltener auftaucht (Von Schlegell), wird mit dem erfolgreicheren Namensvetter (Salle) verwechselt. Dabei ist die Unterscheidung kinderleicht, wenn man einmal die Handschrift der Künstler gesehen hat: Die monumentale, raue Stahlskulptur auf der einen Seite, die bunte, überfüllte Leinwand auf der anderen.
Fazit: Zwei David(s), zwei Welten, ein Name
Die Geschichte hinter dem Namen „David von Sell“ ist eine Geschichte der Missverständnisse, aber auch eine wunderbare Gelegenheit, zwei extreme Pole der Kunst des 20. Jahrhunderts zu entdecken.
David Von Schlegell, der Künstler der Moderne, steht für Reduktion, Materialität und ein dialogisches Verhältnis von Skulptur und Raum. Er ist der leise Poet, der in seiner Kunst nach dem Wesentlichen suchte.
David Salle hingegen, der Protagonist der Postmoderne, ist der laute Erzähler, der keine Scheu vor Fragmentierung, Widerspruch und Provokation hat. Er ist der Meister des Bildersturms, der die Bilderflut unserer Zeit vorwegnahm.
Beide sind auf ihre Art bedeutend. Während Von Schlegell in der Kunstgeschichte als wichtiger, aber etwas unterschätzter Vertreter der amerikanischen Abstraktion gilt, hat Salle seinen Status als lebende Legende gefestigt. Die Verwechslung ist ein kurioser Nebenaspekt – aber vielleicht eine Einladung, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben: Von der Ruhe der Stahlskulpturen zum Rausch der postmodernen Leinwand. Beide „David von Sell“ haben es verdient, nicht nur verwechselt, sondern vor allem verstanden und gesehen zu werden.